Der Manager, der (fast) nur Frauen einstellt

René Mägli ermuntert seine "Ladys", für sich zu kämpfen. Foto: Inga HöltmannRené Mägli ermuntert seine "Ladys", für sich zu kämpfen. Foto: Inga Höltmann

Wären wir im Märchen, würde es „Der Reeder und seine Ladys“ heißen. Was René Mägli aus Basel macht, ist aber Realität: In seiner Firma ist der Frauenanteil bei über 90 Prozent, Teilzeit gibt es für alle und Babys gehen vor. Wow.

Es ist ein unscheinbares Bürohaus in der Baseler Innenstadt. Vor dem Haus Tram-Linien, einige Geschäfte. Es ist warm an diesem Tag in der Schweiz, still liegt das Haus da, die Sonne spiegelt sich in den Fenstern. Der Eingang liegt etwas nach hinten versetzt, nur ein kleines Klingelschild weist auf die Reederei MSC Basel hin. Hier herrscht René Mägli über ein ganz besonderes Reich: Der Manager stellt nämlich nahezu ausschließlich Frauen ein. Er hat in seiner Firma einen Frauenanteil von über 90 Prozent. Ganz bewusst. Frauen sind für ihn nämlich die besseren Arbeitnehmer.

„Ich habe 136 Angestellte, davon sind nur fünf männlich. Und die Männer sind – von mir abgesehen – auch nicht in Führungspositionen, sondern den Frauen unterstellt. Ich nenne die Frauen meine ‚Ladys‘. Ich bin ein Gentleman, das ist ein Zeichen meiner Wertschätzung. Und die Frauen tun meiner Firma gut: Wir wachsen stark. Frauen dienen nämlich der Sache, ohne Machtansprüche zu stellen. Ich stelle sie aus ur-eigenem Nutzen ein.“

Frauen können das besser

Rene Mägli ist Chef in einer sehr männlichen Domäne. Er führt das Unternehmen MSC Basel, eine Schweizer Tochterfirma der Reederei MSC, der zweitgrößten Frachtreederei der Welt. Er ist ein recht kleiner, drahtiger Mann und spricht ein weiches Deutsch mit starken Schweizer Einsprengseln. Ruhig und bedacht redet er, immer wieder macht er Pausen – doch das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass er in der Sache unnachgiebig ist.

„In meiner Branche ist es sehr hektisch, man muss schnell reagieren, Prioritäten setzen. Ich bin davon überzeugt, dass Frauen das besser können. Und das gilt auch nicht nur für meine Branche – ich glaube, dass das etwas ist, was Frauen ganz global besser können. Sie bekommen das von ihren Müttern mit. Die müssen zu Hause das Kind hüten, und während gerade noch die Milch überkocht, kommt der Mann heim und will die Pantoffeln bereit gestellt haben – das färbt auf die Mädchen ab.

Ich führe ein Dienstleistungsunternehmen, ich muss mich irgendwie von meiner Konkurrenz abheben. Deshalb nutze ich diese positiven Eigenschaften für mich. Manchmal kommen sogar schon Konkurrenten auf mich zu und erzählen mir ganz stolz, dass sie nun auch schon mehr Frauen eingestellt hätten.“

René Mägli kennt all die Einwände, die gegen eine reine Frauentruppe vorgebracht werden. Er ist gut vorbereitet, zitiert seinerseits Untersuchungen, berichtet aus seiner Berufserfahrung. Er zieht einen eng bedruckten Bogen hervor: Die Ergebnisse einer Studie. Überschrift: Gestresste Frauen bleiben einfühlsam.

Gemischte Teams – und trotzdem fast nur Frauen

„Gemischte Teams sind wichtig für ein erfolgreiches Unternehmen. Aber was heißt gemischt? Ist das nur das Geschlecht? Wir haben eine andere Mischung: Meine Mitarbeiterinnen kommen aus über 40 Nationen, alle Kontinente sind vertreten. Thailand, Kolumbien, Russland, Haiti, Äthiopien, Australien, … Das ist der Mix, den wir haben, unsere ‚Diversity‘. Ich kenne keine Machtkämpfe zwischen meinen Ladys, keinen Zickenkrieg. Ich kenne nur sehr strebsame Frauen. Und ich bekomme sehr viel mit! Da hilft mir auch, dass ich kein eigenes Büro habe.

Es gibt natürlich Konflikte. Aber am wichtigsten ist, dass man darüber redet. Früher habe ich solche Gespräche oft moderiert, das mache ich heute nicht mehr. Manchmal lasse ich die Ladys auf Firmenkosten essen gehen – meistens ist der Kropf dann geleert. Ich interessiere mich sehr dafür, wie es meinen Ladys geht. Bei mir muss man sich nicht für ein Gespräch anmelden.“

Tatsächlich sitzt Mägli an einem ausladenden Eckschreibtisch mitten im Großraumbüro. Es ist ein aufgeräumter Schreibtisch, er sitzt so, dass er in den Raum hineinblickt. Wenig Privates steht darauf, im Hintergrund hängt ein Kalender, der ein großes Containerschiff zeigt. Mägli trennt Privates und Berufliches strikt, gibt nichts über sein Privatleben preis. Er kokettiert auch nicht mit seiner Rolle als Hahn im Korb – es ist eher eine väterliche Art, mit der er seinen Angestellten begegnet.

„Männerlohn“ für seine Ladys

„Ich biete meinen Ladys einen fairen Lohn. Bei mir bekommen sie einen Männerlohn. Dass Frauen weniger verdienen, finde ich aber nicht ungerecht – Frauen kämpfen zu wenig! Ich führe ein Mal im Jahr Mitarbeitergespräche. Am Ende frage ich immer: Müssen wir sonst noch etwas besprechen? In den seltensten Fällen kommt die Frage nach dem Lohn! Ich erinnere sie dann daran und sage: Denkt daran, dass ihr kämpfen lernen müsst, wenn ihr woanders hingeht! Und wenn ich eine Frau befördere, kommt auch immer die Frage: ‚Meinen Sie?‘ Das habe ich einen Mann noch nie fragen hören.“

Bei 136 weiblichen Angestellten gibt es auch immer wieder Babys, klar. René Mägli freut sich für seine Frauen – und er sagt das auf eine so ehrliche Weise, dass man ihm das glaubt.

Viel Platz zum Arbeiten, eine entspannte, effiziente Atmosphäre, das wünscht sich Mägle. Foto: Inga Höltmann

Viel Platz zum Arbeiten, eine entspannte, effiziente Atmosphäre, das wünscht sich Mägli. Foto: Inga Höltmann

„Die Babys haben Priorität! Bei mir entscheiden die Frauen selbst, wie viel sie nach der Babypause wieder arbeiten wollen. Das biete ich allen an, die vorher Vollzeit gearbeitet haben. Die einzige Bedingung: In Führungspositionen müssen sie mindestens 60 Prozent arbeiten, sonst sind sie zu wenig präsent. Und das klappt ganz wunderbar: Die Frauen sprechen sich untereinander ab. Es kann schon mal sein, dass eine Kollegin morgens einen Anruf erhält und gefragt wird, ob sie heute mal 100 Prozent machen kann, weil das Kind krank ist. Bei uns geht so etwas. Andere Firmen sind zu engstirnig, die wagen diesen Versuch erst gar nicht. Das liegt daran, dass deren Personalverantwortliche männlich sind, bin ich der Meinung. Das verlangt strukturiertes Vorgehen, die Mitarbeiter müssen sich auch untereinander gut koordinieren. Aber es kann funktioniert, bei uns sieht man das.“

Damit ein so spontanes Einspringen klappt, hat Mägli auch IT-seitig eine besondere Maßnahme ergriffen. Es gibt keine privaten Mails, die Rechner werden nie heruntergefahren. Wer für eine Kollegin einspringt, setzt sich an ihren Platz und kann direkt losarbeiten.

„Ansonsten habe ich mit all den weiblichen Angestellten aber denselben Führungsstil beibehalten. Ich öffne ihnen vielleicht mal die Tür – aber ansonsten ist alles gleich“, sagt Mägli und lacht freundlich. Und auch das glaubt man ihm sofort.

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