Warum Frauen anders gründen

Frauen gründen oft, um für sich selbst arbeiten zu können und flexibler zu sein. (Foto: .daumenkino. / photocase.de)Frauen gründen oft, um für sich selbst arbeiten zu können und flexibler zu sein. (Foto: .daumenkino. / photocase.de)

Wenn eine Frau ein Start-up gründet, dann wird es statistisch gesehen länger am Markt bleiben als das eines Mannes. Trotzdem sind Gründerinnen noch in der Unterzahl. Weil sie die Selbstständigkeit anders angehen. 

Als Christiane Schenke ihr eigenes Unternehmen gründete, tat sie das auch für ihren Sohn. Im Jahr 1998 machte sie sich als Webdesignerin selbstständig, da war er gerade sieben Jahre alt. Schenke wollte damals flexible Arbeitszeiten, um sich um ihren Sohn kümmern zu können. Ihre eigene Firma gab ihr genau das. „Ich konnte an meinem Rechner zu beliebigen Zeiten arbeiten“, sagt sie.

Keine Ausnahme: Frauen, die sich selbstständig machen, haben nach Daten der Bundesweiten Gründerinnenagentur (BGA) häufiger Kinder als Frauen, die in einem Angestelltenverhältnis arbeiten. Das bezieht sich vor allem auf die Gruppe der 34- bis 44-Jährigen – also auf genau das Alter, in dem Frauen Kinder bekommen oder in dem der Nachwuchs langsam flügge wird und in die Schule geht.

Wirtschaft bietet zu wenig Flexibilität

Die familiären Verpflichtungen sind nur ein Beispiel dafür, aus was für unterschiedlichen Motiven heraus Frauen gründen und dass sie auch auf die Selbstständigkeit setzen, weil die Wirtschaft ihnen noch zu wenig Flexibilität im Arbeitsalltag bietet.

Wer Cornelia Klaus fragt, warum Frauen anders gründen, der bekommt eine Gegenfrage zurück. „Anders als wer?“, sagt die Leiterin des Geschäftsbereichs Gründerinnen Consult von Hannoverimpuls dann. Ein berechtigter Einwand. Denn Frauen gründen nicht nur anders als Männer. Frauen gründen im Osten anders als im Westen, mit 20 anders als mit 40 Jahren. Das hat einen einfachen Grund: Ihre Lebensumstände unterscheiden sich drastisch.

„Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind kleiner als die zwischen den Frauen untereinander“, sagt Katja von der Bey. Sie ist Geschäftsführerin des genossenschaftlichen Gründerinnenzentrums Weiberwirtschaft. Für sie ist klar: Die Motive sind verschieden und somit auch die Unternehmen.

Frauen gelten als die erfolgreicheren Gründer

In Zahlen gemessen sind Gründerinnen ihren männlichen Kollegen immer noch unterlegen. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums kommt lediglich jedes dritte Unternehmen von einer Frau. Die Angaben schwanken zwischen 31,6 Prozent beim Statistischen Bundesamt, 34 Prozent beim Institut für Mittelstandsforschung (IfM) und sogar 39 Prozent beim KfW-Gründungsmonitor. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Das Problem an all diesen Zahlen: Sie liegen noch deutlich unter der allgemeinen Erwerbsquote von Frauen in Deutschland – die liegt bei 46 Prozent. Es gibt also noch ein ungenutztes Potential von mindestens sieben Prozent.

Und das, obwohl Frauen als die erfolgreicheren Gründer gelten. „Untersuchungen zeigen, dass Unternehmen, die von Frauen gegründet werden, länger am Markt bleiben als die von Männern“, sagt Iris Kronenbitter von der Bundesweiten Gründerinnenagentur (BGA). Ihrer Erfahrung nach liegt das auch an der „intrinsischen“ Motivation, mit der sich die Entrepreneurinnen für ein eigenes Unternehmen entscheiden.

Wie bei Christiane Schenke geht es dabei oft einfach um Flexibilität. Sich einen „maßgeschneiderten Arbeitsplatz schaffen“ nennen die Gründerinnen das. Es gehe darum, seine eigenen Vorstellungen zu verwirklichen, aber auch seine eigenen Qualitätsstandards und Ziele, sagt Kronenbitter.

Selbstständigkeit ist kein Karrieremodell

Cornelia Klaus berät schon seit Jahren Frauen vor der Gründung. Auch sie bestätigt den Eindruck: „Selbstständigkeit ist kein Karrieremodell für Frauen.“ Bei Frauen steckt mehr Idealismus dahinter. Sie verknüpfen das Unternehmen stärker mit sich selbst. BGA-Geschäftsführerin Kronenbitter hat in der Praxis die Erfahrung gemacht, dass Frauen die erwirtschafteten Gewinne – anders als männliche Gründer – in das weitere Wachstum des Unternehmens investieren.

Wenn das so ist, warum sind dann unter den großen Start-ups keine Gründerinnen? Auch darauf gibt es einfache Antworten. Männer wie Apple-Gründer Steve Jobs oder Amazon-Chef Jeff Bezos haben eine gute Idee und gründen deshalb. Frauen gründen nur selten in sogenannten Hardware-Berufen – sie bieten also kein Produkt an, das man sehen oder anfassen kann. Frauen bieten eher Dienstleistungen an, zum Beispiel Beratungen oder Design. Das Problem: Die lassen sich schlechter präsentieren als ein neues iPhone oder die internationale Geschäftsidee einer Webseite wie Amazon. Frauen falle es daher auch schwer, ihre Arbeit „sichtbar“ zu machen. „Frauen agieren eher in regionalen Märkten“, sagt BGA-Geschäftsführerin Kronenbitter. Sie entwickelten ihre Produkte nah am Bedarf der Kunden.

Frauen gründen vorsichtiger

Sichtbarkeit ist nur ein Thema, mit dem Frauen zu kämpfen haben. Auch ihre Unsicherheit und ihre starke Neigung zur Selbstkritik hemmt sie, glaubt Weiberwirtschaft-Chefin von der Bey. Denn Frauen bringen einerseits im Schnitt weniger Eigenkapital mit, wenn sie gründen. Da macht sich der Lohnunterschied von 22 Prozent bemerkbar: Ein Mann kann schlichtweg mehr sparen. Und Gründerinnen haben andererseits, wie zum Beispiel auch Christiane Schenke, mehr Familienverantwortung. Weil die Gesellschaft noch erwartet, dass die Frau das Kind hütet.

Dass Frauen vorsichtiger gründen, erklärt auch, dass sie seltener überhaupt den Sprung in die Selbstständigkeit wagen. „Männer sagen in der Beratung oft, das klappt schon irgendwie. Frauen gründen erst, wenn sie sich ganz sicher sind“, sagt die Beraterin Tamara Braeuer. Sie beantwortet sowohl Fragen von Männern als auch von Frauen zum Thema Gründung. Ihre Erfahrung: „Frauen trauen sich nicht immer so viel zu, wie sie eigentlich können“, erklärt Braeuer.

Viele Frauen gründen deshalb erstmal im Nebenerwerb, bevor sie sich komplett mit ihrer Firma finanzieren – auch aus der Angst heraus, es könne nicht klappen. „Die Angst vor dem Scheitern ist riesig“, sagt Weiberwirtschaft-Geschäftsführerin von der Bey. Deshalb suchen Frauen auch eher Unterstützung. Ihre Fragen, so sagt Beraterin Braeuer, seien meistens sehr viel tiefergehend als die ihrer männlichen Pendants.

Gründerinnen brauchen Bestätigung

Ein Beispiel: Eine Gründerin ließ sich von BGA-Geschäftsführerin Kronenbitter beraten. Sie gingen den gesamten Geschäftsplan durch einschließlich der Anzahl der Kunden, die die Frau bereits vor ihrem Markteintritt hatte. Es stellte sich heraus: Die Dame war bestens vorbereitet. Überrascht stellte sie selbst fest: „Dann kann ich ja jetzt richtig loslegen.“ Für Kronenbitter ist die gute Vorbereitung typisch: Die Gründerin brauchte einfach eine Bestätigung.

Dieser Wunsch nach einer klaren Ansage kann für Frauen auch problematisch werden. Das lässt sich an dem Begriff „gefühlte Kunden“ erzählen. Darunter versteht man Menschen, die einem zwar keinen direkten Auftrag erteilt haben, aber auch keine direkte Absage. Nach der Erfahrung der Karlsruher Beraterin Braeuer verbucht eine Frau jemanden, der sagt: „Schauen wir mal“, eher als möglichen Kunden als ein Mann. Weil es eben kein deutliches „Nein“ ist.

Doch die Unterschiede beschränken sich nicht nur auf Frauen und Männer. Im Osten gibt es mehr Gründerinnen als etwa im Westen – aus dem historischen Grund, dass dort Frauen schon zu DDR-Zeiten eher gearbeitet haben als im Westen. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts liegt die Quote der Gründerinnen in vier der fünf neuen Bundesländer über dem deutschen Durchschnitt von 31,6 Prozent. Lediglich Thüringen fällt leicht ab. Zum Vergleich: Von den elf westlichen Bundesländern schafft es nicht einmal die Hälfte über den Mittelwert. Eine Frau, die gründet, das passt immer noch nicht in das Weltbild mancher Menschen.

Alles erreichen, was auch ein Mann kann

Diese Erfahrung hat auch Freya Oehle gemacht. Die 24-Jährige, Gründerin des Start-ups Spottster wurde von einem potentiellen Investor mal mit den Worten begrüßt: „Sie sind ja eine Frau!“ Dass auch eine Frau ein Unternehmen gründen kann, scheint noch nicht überall angekommen zu sein. Auch nicht im Jahr 2014.

Aber man könnte auch sagen: Noch nicht. Denn Freya Oehle steht für eine neue Gründerinnengeneration. Eine Generation, die keine gesellschaftlichen Restriktionen mehr verspürt; eine Generation, die in dem Glauben aufgewachsen ist, dass sie alles erreichen kann, was auch ein Mann erreichen kann; eine Generation, die sich nicht in der Wirtschaft umguckt, sondern auf ihre eigenen Fähigkeiten vertraut.

Diesen Trend kann auch Tamara Braeuer bestätigen. Die Beraterin hat festgestellt, dass die Gründerinnen jünger werden. Waren die Frauen früher selten unter 26 Jahren, entscheiden sie sich nun schon im Studium für die Selbstständigkeit. Weil sie sich selbst mehr zutrauen als noch ihre Mütter.

Wer gründen will, kann sich bei einer Vielzahl Beratungsstellen Unterstützung suchen. Wir stellen vier Beratungsunternehmen speziell für Gründerinnen vor.

Lisa Hegemann ist freie Wirtschaftsjournalistin. Foto: privat

Lisa Hegemann ist freie Wirtschaftsjournalistin. Foto: privat

Lisa Hegemann
Schreibt, seitdem sie schreiben kann. Hat früher ihre eigenen Zeitungen entworfen. Heute setzt sie da lieber auf etablierte Namen und die digitale Zukunft. Verfasst vor allem Beiträge für Handelsblatt Online und Handelsblatt, hat aber auch schon für das ZDF, die FAZ und deren Hochschulanzeiger sowie einst die FTD geschrieben. Beschäftigt sich am liebsten mit den Menschen hinter den Geschichten – von Gründerinnen über Vergessene der Arbeitswelt bis hin zu geprellten Anlegern.

Diskutiert jetzt mit:

Newsletter schon abonniert?
Anmelden!